
Im Rahmen des Kardiologischen Symposiums „Tradition trifft Innovation – Kardiologie im Wandel“ in Berlin am 20. März 2026 ging es um personalisierte Therapieansätze. Dabei spielt die gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Ärzt:innen und Patient:innen – das sogenannte Shared Decision-Making (SDM) – eine zentrale Rolle. Jens Näumann erläuterte aus der Perspektive eines Betroffenen, warum dieses Konzept so wertvoll ist.
Wenn medizinische Routine auf persönliche Ausnahmesituationen trifft
Ausgangspunkt seines Vortrags war eine Erfahrung, die viele Patient:innen kennen:
Was für Ärzt:innen Routine ist, wird für Betroffene oft zu einer existenziellen Ausnahmesituation – geprägt von Angst und Unsicherheit. Diese unterschiedliche Wahrnehmung erschwert das gegenseitige Verständnis. Genau hier setzt Shared Decision-Making an. Shared Decision-Making bedeutet nicht, dass Patient:innen einfach aus medizinischen Optionen „wählen“. Vielmehr geht es um einen gemeinsamen Prozess:
- Ärzt:innen bringen ihre medizinische Expertise ein
- Patient:innen ihre individuellen Lebensumstände, Werte und Erwartungen
Erst durch dieses Zusammenspiel entsteht eine Entscheidung, die sowohl medizinisch fundiert als auch persönlich passend ist. Dass SDM inzwischen eine Klasse-1-Empfehlung in den Leitlinien der European Society of Cardiology ist, unterstreicht seine Bedeutung: Gemeinsame Entscheidungsfindung ist heute ein zentraler Bestandteil guter medizinischer Versorgung.
Mehr Möglichkeiten – mehr Verantwortung
Gerade in der Herzklappentherapie zeigt sich, wie wichtig dieser Ansatz geworden ist. Moderne Verfahren eröffnen eine Vielzahl an Behandlungsoptionen – ein medizinischer Fortschritt, der gleichzeitig zu mehr Komplexität führt. Doch was aus klinischer Sicht sinnvoll erscheint, ist nicht automatisch die beste Wahl für jede:n einzelne:n Patient:in. Für Betroffene spielen oft ganz andere Fragen eine wichtige Rolle:
- Wie schnell werde ich wieder belastbar sein?
- Wie gehe ich mit der Angst vor einem Eingriff um?
- Welche Auswirkungen hat die Therapie auf meine Lebensqualität?
- Wie möchte ich in Zukunft leben?
Shared Decision-Making hilft, diese Aspekte systematisch in die Entscheidung einzubeziehen.
Was Patient:innen wirklich brauchen
Aus Sicht der Initiative Herzklappe zeigt sich in Gesprächen mit Betroffenen immer wieder, worauf es in der Kommunikation zwischen Ärzt:innen und Patient:innen ankommt:
- verständliche Informationen über Therapieoptionen und Risiken
- ausreichend Zeit für Rückfragen
- eine klare, nachvollziehbare Sprache
Denn viele Patient:innen reagieren im Arztgespräch aus Unsicherheit zustimmend, ohne alles vollständig verstanden zu haben.
Das Heart Team: Eine Chance für echte Zusammenarbeit
Ein wichtiger Baustein moderner Herzmedizin ist das sogenannte Heart Team, in dem verschiedene Fachdisziplinen gemeinsam über die beste Therapie beraten. Aus Patientensicht ist jedoch entscheidend, dass dieser Prozess nicht ohne sie stattfindet. Erst wenn Patient:innen verständlich eingebunden werden, wird aus einer interdisziplinären Empfehlung echte gemeinsame Entscheidungsfindung. Zugleich schafft Transparenz Vertrauen: Viele Betroffene wissen gar nicht, dass ein ganzes Team an ihrer Behandlung beteiligt ist – dabei kann genau dieses Wissen Sicherheit geben.
Vertrauen als Grundlage erfolgreicher Therapie
Der Vortrag von Jens Näumann macht deutlich: Gute Medizin ist mehr als technische Exzellenz. Entscheidend ist, dass medizinische Expertise und Patientenperspektive zusammengeführt werden. Daraus entstehen:
- individuell passende Entscheidungen
- ein besseres Verständnis der Therapie
- mehr Vertrauen in Ärzt:innen und Behandlung
Vertrauen ist eine wichtige Voraussetzung für den Behandlungserfolg. Shared Decision-Making ist damit nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern ein zentraler Baustein moderner, patientenzentrierter Medizin.